Als die Spielsachen noch Gesichter hatten

Eine Hommage an das Blechspielzeug vergangener Tage

Von Thorsten Pahlke


Ein Mercedes 190er der Firma Schuco aus den 1960er Jahren

"Das hat Gesicht" sagt man gelegentlich, wenn einem etwas gefällt. Ich sage es recht oft,, wenn ich altes Spielzeug betrachte. Alt im Sinne von vertraut, langjährig, geläufig. Ich habe eine kleine Sammlung solcher Spielsachen. Viele oder die meisten sogar sind aus Blech gefertigt und besitzen Aufziehwerke, deren Flachfedern für den Antrieb sorgen. Einige haben schon einen kleinen Elektromotor, der mit 3V oder 4,5V für ein kleines Abenteuer sorgt. Dann gibt es Spielzeugautos, die mithilfe eines Schwungrades (Friktionsantrieb) angetrieben werden und zum Schluss solche, die mit der Hand zum Rollen gebracht werden. Es ist dabei egal welcher Antrieb die Sache zum Leben erwecken lässt, von Bedeutung ist vielmehr die Amönität, die diese Spielzeuge verströmen. Fast schon beseelt schauen sie aus ihren Scheinwerferaugen drein als wollen sie zeigen, mir mitteilen, dass sie noch können, noch Spaß haben und Herzen noch immer höher schlagen lassen können auch, wenn es heute keine Kinderherzen mehr sind.


Ein Porsche der Marke "Distler". Dieser Roadster wird mit einer 4,5V Flachbatterie angetrieben

An Tagen, an denen es erforderlich ist, neue Kraft zu schöpfen, umgeben ich mich gerne mit diesen Sachen. Sie erzeugen in mir eine entschleunigende Wirkung. Alleine das intensive Betrachten eines Blechspielzeugs, das Wiegen der Sache in den Händen und der leicht ölige Geruch nach altem lithografierten Blech lassen die Synapsen die Schubladen längst vergessener Zeiten aufziehen. Nach dem Drehen des Schlüssels folgt ein Knacken des Uhrwerks und das Herz aus Metall schlägt nach 50, 60 oder 70 Jahren wie am ersten Tage, als Kinderaugen die Modelle aus ihren Umverpackungen befreiten.


Der Gedanke, die Vorstellung, dass eine aus Dünnblech geformte Sache, verziert mit Farbe, Kunststoff- und Gummiteilen drei Generationen (und mehr) nahezu unbeschadet überstehen kann obwohl in Hochzeiten die Jugend mit ihnen sicherlich nicht zimperlich umgegangen sein wird, fasziniert mich. Wie oft wurde er Motor aufgezogen? Wie oft rollten die Gummireifen durch den Staub der Nachkriegsstraßen? Wie oft stießen die Stoßstangen gegen Hindernisse an um dann nach Jahren der Begleitung ihrer kleinen Damen und Herren letztendlich in den Kellern und Dachböden zu verschwinden.

Heute streicheln faltige Hände über die Träume ihrer Jugend. Träume, die von den jetzigen jungen Händen nicht begriffen werden. Aber es gibt noch viele Hände, und die meinen zähle ich dazu, die den Helden von damals ein neuer Weggefährte sein wollen. Und die in die Jahre gekommenen Bauteile der Freude freuen sich über die Pflege und den alten Glanz, der wieder über ihre Motorhauben huscht und es freut sie ebenfalls, dass sie von Mal zu Mal zeigen dürfen was auch heute noch alles in ihnen steckt. Woher ich das alles weiß? Na, es steht doch in ihren Augen...


Anstossauto der Marke Distler. Gebaut zwischen 1944 und 1949 (US Zone Germany)

Alle Fotos: Thorsten Pahlke






PS: Ich möchte mich bei allen Leserinnen und Lesern bedanken, die meinen Artikel "Blechspielsachen gesucht" im Februar 2020 gelesen haben und mich darauf kontaktierten. Vielleicht finden sie ja ihren kleinen Schatz in diesem Artikel.